Wie versprochen, präsentieren wir Ihnen nun Teil 4 des Beitrags von Jenny Rasche, die einen heiklen Punkt im Sozialsystem des Landkreises Sibiu angesprochen hat. Normalerweise kopiere ich nicht einfach Inhalte, doch diese Gräueltaten müssen ans Licht, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.
Meine Frage lautet: Was haben diese Menschen vor Gott verbrochen, dass sie vom Schicksal geschlagen und wehrlos geboren wurden? Und wer sind die Angestellten der DGASPC Sibiu, die sie wie Dreck behandeln?
Wenn du Gott spielst und hoffst, dass die Wahrheit mit diesen Schurken begraben wird:
Elli – Teil 4
Ohne jeden Zweifel hat die Aufzählung der verschiedenen Begebenheiten, die ich erlebt habe, auch etwas mit mir selbst gemacht. Es kostete mich große Überwindung, mich zu erinnern. Die Tatsache, dass ich heute mit einem Lächeln durch die Welt gehen kann, ist dem geschuldet, dass ich damals nicht aufgegeben habe.
Nachdem man mir den Zugang zu dem Heim verboten hatte, musste ich sieben verdammte Jahre aushalten, in denen ich keine Ahnung hatte, wie es den Insassen geht, wie es Elli geht. Wie es den anderen geht, ob sie noch am Leben ist.
Es schien kurzzeitig so, als würde das Schicksal Erbarmen mit mir haben.

Durch Zufall habe ich gehört, dass ein Kind in einer Einrichtung in Sibiu verstorben ist, ebenfalls mit schwerer Behinderung, und dass dieses Kind dort bestattet werden sollte. Ich nahm nicht an der Beerdigung indirete teil, weil ich wusste, dass man mich nicht dabei haben wollte.
Allerdings traf mich der Schock heftig, als ich feststellte, dass es nicht zu einem Friedhof ging, sondern einfach gegenüber in den Wald, und plötzlich sah ich sie, die Kreuze…..kleine Holzkreuze mit Namen.
Mein inneres Ich versuchte, meinem Verstand zu erklären, dass das hier kein Traum ist, und trotzdem hatte ich das Gefühl, ich bin in einem Horrorfilm. Ich sah zu, wie der Sarg des Kindes eingegraben wurde. Das Grab war sehr flach, eigentlich eine extreme Situation, die niemals hätte sein dürfen, und in dem Moment war mir klar, dass hier so viele Menschen in Anonymität gestorben und vergraben worden sind, dass ihre Seelen für immer in diesem Wald sein werden.
Nachdem die Beerdigung zu Ende war und die Personen den Wald verlassen hatten, kam ich aus meinem Versteck. Ich ging neben den Kreuzen entlang und hoffte eigentlich nur, dass nicht Elli, Daniel oder Trandafir darauf stand. Es waren frische Kreuze dabei, teilweise ohne Namen. Mutig atmete ich tief ein. Ein Blick in die Baumkronen beruhigte mich. Das Bettchen der Kinder von Riu Vadului…. In stiller Verzweiflung suchte ich die Kreuze ab und hatte bei jedem einzelnen Angst, dass Elli, Daniel oder Trandafir darauf sein würden.
Bei dieser Beerdigung habe ich mich nicht gezeigt. Ich war lediglich in der Nähe, als ich davon hörte, immer noch in der Hoffnung, man würde mir vielleicht eine Chance geben, in das Heim zu kommen und die Personen wiederzusehen, über die ich mir jeden Tag Gedanken machte. Sieben verdammte Jahre, in denen ich Nacht für Nacht meine Stirn an das kalte Glas des Fensters drückte und in den Himmel sah, immer mit der gleichen Frage im Herzen. Lebten sie noch?
Ich hoffte immer irgendwie, dass wir trotz allem, was passiert ist, eine Verbindung haben. So ein starkes Band, welches es sogar schafft, Menschen auf der Erde mit Menschen im Himmel zu verbinden.
Mir war klar, dass es keine legale Möglichkeit für mich geben würde, in dieses Heim vorzudringen, und trotzdem war der Wille, die Dinge zum Besseren zu wenden, ungebrochen. So beschloss ich, wiederzukommen. Zumindest in den Wald gegenüber.
Später habe ich mit Tabita zusammen diesen Ort noch einmal aufgesucht. Wir weinten beide. Ich weiß nur noch, dass es ein Sommertag war und ziemlich warm. Tabita fragte mich damals, ob ich glaube, dass wir jemals wieder in diese Einrichtung reinkommen. Ich sagte ihr, dass mein Wille, dies zu tun, niemals schwächer geworden war. Das Prinzip Hoffnung sorgte dafür, dass ich in keiner Weise von meinem ursprünglichen Plan, diesen Menschen zu helfen, abweichen werde.
Die politische Lage in Sibiu schien sich eher gegen mich verschworen zu haben. Von den öffentlichen Institutionen kam keinerlei Unterstützung, und mir war klar, dass ich allein gegen ein System stand. So ist das hier bis zum heutigen Tag. Wenn jemand die Wahrheit sagt, wird er entlassen oder man lässt ihn nicht mehr an die Orte, an denen die Teufel wüten.
Als der Herbst kam und Rumänien in alle Farben färbte, beobachtete ich wieder, wie die Nächte langsam kühler wurden, und machte mir fürchterliche Sorgen, wie in jedem dieser sieben Winter, um die Insassen dieses Lagers. Hatte ich doch die Kälte teilweise am eigenen Leib gespürt.
Gesehen, wie Menschen unter dünnen Laken erfroren.
Wie aus dem Nichts hatte ich eines Morgens das Gefühl, dass sich bald etwas ändern würde, eine Vorahnung, dass es vielleicht besser werden würde. Damals habe ich mir eingeredet, dass das wahrscheinlich einfach nur meine Hoffnung war, aber so sollte es nicht sein.
Mein Verstand versuchte, dies meinem Herzen zu erklären. Aber es war das Herz des kleinen Mädchens von damals, das fest davon überzeugt war, die Welt würde besser werden.
Nach dem Herbst kam der Winter. In diesem Winter war es sehr kalt und sehr schneereich. Man hatte um Sibiu eine Umgehungsstraße gebaut. Ich weiß noch, dass ich auf dieser Straße Richtung Sibiu nur sehr, sehr langsam vorwärtskam. Freitag Nachmittag auf dem Weg nach Hause. Mein Telefon klingelte.
Zuerst wollte ich nicht antworten, aber dann sah ich, dass es ein befreundeter Heimleiter aus Sibiu war, der mich anrief. Als ich ans Telefon ging, hatte er leider schon aufgegeben – also rief ich ihn zurück. Seine Stimme überschlug sich fast, und ich erschrak mich im ersten Moment. Statt Hallo zu sagen, rief er nur „Jenny, wo bist du?”
Ich erklärte ihm, dass ich auf der Umgehungsstraße von Sibiu bin und nach Hause fahre. Die Worte sprudelten so schnell heraus, dass ich erst mal einen Moment brauchte, um zu begreifen, was er eigentlich sagte: „Jenny, ich bin Direktor geworden von diesem Heim in Riu Vadului. Du weißt schon, wo das ist, das abgelegene.” Er erklärte mir, dass er ein Riesenproblem festgestellt habe.
Ich fragte ihn, welches Problem das sein sollte, woraufhin er mit verzweifelter Stimme sagte: „Die Menschen erfrieren. Es gibt keine Wärmequellen, vor allem für die Schwerbehinderten.” Unpassend und unüberlegt antwortete ich sarkastisch: „Erzähl mir was Neues.”
Er konnte es nicht fassen, dass es tatsächlich so ist. Mit verzweifelter Stimme sagte er immer wieder: „Hier gibt es kein warmes Wasser, keine Heizung. Die Menschen erfrieren.” Damit hatte ich die Bestätigung, dass all die Winter, die ich an meinem Fenster stand und auf den Himmel gestarrt habe und einfach nur gehofft habe, dass es irgendwann besser wird, wohl berechtigt waren. Menschen waren tatsächlich im Kalten gewesen, so wie damals.
Ich fragte ihn mit fester Stimme, entschlossen, diese Chance zu nutzen, was wir tun können, um zu helfen. Er meinte: „Komm her, wir müssen einen Plan machen. Diese Menschen werden hier erfrieren.”
Das war der Moment, in dem ich die nächste Abfahrt nahm. Mein Auto wendete, und direkt dorthin fuhr ich. Ich konnte es fast gar nicht fassen, dass mir das Tor geöffnet wurde und man mich, wie selbstverständlich, hineinließ, auch in die Gebäude.
Elli kam mir entgegen gestürmt, als wäre es gestern gewesen, dass wir uns gesehen haben. Sie war voller Freude, so dermaßen glücklich, mich zu sehen. Elli war ein bisschen gealtert, aber noch immer genauso fleißig wie vorher. In ihrer kleinen Welt hatte sich in diesen sieben Jahren nichts verändert, und in der Welt der anderen Insassen auch nicht.
Herr Hanea, der neue Leiter, wollte unbedingt mit mir ins Büro gehen, um die Problematik zu besprechen. Ich hab ihm damals erklärt, dass wir geldmäßig auch nicht so gut aufgestellt sind, dass wir zum Beispiel eine Heizung nicht eben mal so einbauen können, und trotzdem glaubte ich mir selbst kaum, als ich das sagte, dass man dieses Problem nicht in wenigen Tagen lösen kann.
Feststellend, dass ich dort kein Internet-Empfang hatte, stellte dies somit das erste Hindernis. Darum war mir klar, jeglicher Aufruf für diese Sache musste irgendwie damit einhergehen, dass ich die Einrichtung wieder verließ. Die alte Angst, nicht wieder reingelassen zu werden, war so groß, dass ich irgendwie nicht entschlossen war, das zu tun. Erst nachdem Herr Hania mir fünfmal versichert hat, dass ich wiederkommen darf, fuhr ich etwas weiter Richtung Valcea, bis ich Empfang hatte. Ich schrieb so schnell meine Finger nur konnten einen Hilferuf nach Deutschland mit den Kosten einer Heizungsanlage.
Ohne jetzt aus dem Einbau dieser Heizung nicht mehr machen, als es ist – so war es doch eine der beeindruckendsten Aktionen, die wir je gestartet haben. Wir haben innerhalb von 48 Stunden ein 31-köpfiges Team auf die Beine gestellt.
Deutschland hat innerhalb von 24 Stunden das Geld für eine komplette Heizungsanlage zusammen gesammelt, und es kam tatsächlich so, dass ich drei Tage später an dem Tag, an dem ich zum ersten Mal das Feuer der Holzheizung anzünden durfte. Die Wärme lief durch alle Heizkörper. Es war fast schon wie ein Wunder. Ich drehte den Wasserhahn auf und fühlte das warme Wasser…
Und sowie das Wasser lief, liefen auch meine Tränen. Tränen der Erleichterung. Tränen des Mitgefühls für all diejenigen, die noch lebten, sich aber in einem schlimmen Zustand befanden.
Es wurde der erste Abend seit sieben Jahren, den ich nicht im Bett verbringen würde und an diese Menschen denken müsste, wie sehr sie frieren.
Während der Jahre, in denen Herr Hania dort Leiter war, konnten wir vieles verbessern. Aus Deutschland kamen Rollstühle, die Zimmer wurden schön hergerichtet, und mir wurde problemlos Zugang zu allen Insassen gewährt. Für Elli war das eine unglaubliche Freude, zu wissen, dass ich sie jederzeit besuchen konnte.
Wir brachten wieder Joghurt, Früchte und viele schöne Sachen und feierten eine Weihnachtsfeier, die ich nie vergessen werde. Ja, man kann sagen, dass sich einiges verbessert hatte.
In der COVID-Zeit sind viele Insassen gestorben, wurde die Zahl der Bewohner des Heimes langsam kleiner. Zu diesem Zeitpunkt waren es noch circa 160 Bewohner. Schritt für Schritt versuchte man abzubauen, hatte aber keine Alternativen. Aus dem Frühling wurde der Sommer geboren. An einem Sommertag beschlossen wir, ein Grillfest zu machen, mit Livemusik und allem, was dazugehört.
Die Bewohner waren völlig aus dem Häuschen. Alles sah so friedlich aus. Doch dieses Gefühl… Irgendetwas stimmte nicht, aber ich konnte es am Anfang nicht einordnen, was es war. Meine Augen wanderten über die gesamte Szene. Mein Blick fiel auf Elli, sie stand an einer Tür und schaute ins Leere.
Elli war irgendwie anders als sonst. Ich ging zu ihr und fragte, ob es ihr gut gehe. Sie schaute zu Boden, sagte nichts. Ich fragte sie noch einmal, woraufhin sie ihre Hose ein bisschen hoch zog, mehr Beine und ihre Knöchel freilegte. Man konnte sehr viel aufgestautes Wasser in den Beinen sehen. Elli erklärte mir, dass sie kaum laufen könne und die Vermutung habe, an Diabetes erkrankt zu sein.
Wohl wissend, dass der Dialog zwischen Insassen und Personal noch immer sehr schwierig war, beschloss ich, zur Leiterin der medizinischen Abteilung, sozusagen der Chef-Krankenschwester, zu gehen und ihr von Ellis Zustand zu berichten. Sie erklärte mir kurz und bündig, dass Elli selbst schuld sei. Sie würde ja immer nur irgendwelche Sachen essen, die für sie nicht gut sind. Das war der Moment, wo ich meine ganze Selbstbeherrschung brauchte.
Wie konnte Elli etwas essen, was ihr nicht vor die Nase gestellt wurde? In dieser Einrichtung gab es nichts anderes, außer das fade Essen aus der Küche. Dies resultierte allerdings aus der Summe, die pro Bewohner und Tag vom Staat kam, sehr sehr klein war. So hielt sich das Menü in sehr sehr engen Grenzen.
Ich versuchte ihr zu erklären, dass es daher von Ernährung nicht sein könnte. Die Schwester erklärte mir schnippisch, dass der Hausarzt ihr Insulin gegeben hätte, dass sie es nicht nehmen möchte und so weiter. Da ich aber merkte, dass diese Dame mit den Armen ruderte, hatte ich schon die Vermutung von Anfang an, dass etwas an ihrer Version der Sache nicht stimmt.
Dann brach sie unser Gespräch ab.
Zurück bei Elli und fragte nach bezüglich Medikamente. Hat man dich zu einem Arzt gebracht? Die Antwort kam mir aus der Pistole geschossen. „Ich hab seit zehn Jahren keinen Arzt mehr gesehen.”
Ich versuchte, eine weitere Schwester von Ellis Zustand zu berichten. Taube Ohren, so als hätte ich gar nichts gesagt. Ich weiß, dass ich an jedem Tag einen großen Fehler gemacht habe. Ich hätte zum Leiter gehen müssen. Ich weiß auch nicht, warum ich das nicht getan habe. Er war an dem Tag nicht dort, als wir die Party feierten. Vielleicht wäre es im Nachhinein, wenn ich die Geschichte reflektiere, anders ausgesehen.
Nach diesem Grillfest folgten mehrere Wochen, in denen wir nicht so viel Zeit hatten, dort hinzufahren und nur sporadisch Spenden vorbeibrachten, da auch unsere Kinder wieder mit der Schule anfangen mussten.
Es war Herbst geworden in Rumänien. Wir haben im Herbst immer alle Hände voll zu tun. Wir wollen gerade zu einem Hausbesuch fahren, in einer Familie, die in einer sehr schwierigen Situation lebt.
Da Tabita mittlerweile den Führerschein hat, war ich ziemlich glücklich, dass sie jetzt die Fahrerin war, weil ich meine Leidenschaft des Schreibens so viel besser nachgehen kann. Tabita hat einen Blick, wie versteinert.
Ich schaue sie an und frage wieder, was los ist? „Elli ist tot. Man hat vergessen, uns anzurufen, darum war bei ihrer Beerdigung niemand. Ob es den zuständigen Leuten nicht klar war, dass wir Ellis einzige Bezugspersonen waren?”
Ich brauchte erst mal im Moment, um das zu verdauen. Es war mir einfach zu viel, auch zu wissen, dass ich um ihre Lage wusste. Warum hatte ich nicht den Leiter angerufen? Warum nicht?
Ich weiß es nicht. Ich kann es bis heute nicht sagen. Elli war in ein diabetisches Koma gefallen und war nicht mehr zu retten. Sie hatte Wasser im Körper, das nicht mehr abgeleitet werden konnte. Viele gesundheitliche Probleme, die sich offensichtlich in den vielen Jahren ihrer Sklavenarbeit in ihrem Körper angesammelt hatten, sprossen wie Blüten hervor.
Die Medizin hatte keine Chance. Traurig schaute ich in den Himmel. Ellis einzige Fahrt in die „andere” Welt in all den Jahren, war ihr letzter Weg.
Tabita und ich fuhren an den Ort, wo Elli begraben lag. Als ich ihr Grab sah und realisierte, dass ich sie an ihrem Grillfest das letzte Mal gesehen hatte, da begriff ich erst in voller Bandbreite, dass diese Frau ein ganzes Leben lang anstelle von anderen Leuten gearbeitet hat. Leute, die nicht mal den Anstand hatten, zu der Beerdigung der Person zu kommen, die im Prinzip jahrelang die Arbeit gemacht hat, die sie hätten tun müssen. Menschen, die ihre Gutmütigkeit schamlos ausgenutzt haben. Sie haben eine Sklavin aus ihr gemacht.
Man fragt sich schon, welcher eigentlich der Mensch mit der geistigen welcher eigentlich der Mensch mit der geistigen Retardierung ist.
In meinen Augen konnte es Elli auf jeden Fall nicht sein. Ich setzte mich an ihr Grab und versuchte, mit ihr zu sprechen, entschuldigte mich 1000 mal, dass ich ihr nicht geholfen habe, dass ich die Lage nicht richtig eingeschätzt habe.
Der Himmel schickte Sonnenstrahlen.
Vielleicht war sie nicht böse auf mich. Das hoffe ich, zumindest bis heute. Die Sklavin von Riu Vadului war tot. Ich konnte es und wollte es lange Zeit nicht fassen.
Der politische Umbruch in Rumänien nahm langsam, aber sicher Gestalt an, und immer mehr Menschen aus der Einrichtung wurden dezentralisiert. Neben Trandafir gab es noch einen jungen Mann, der Florin heißt. Beide waren ungefähr im gleichen Alter und befanden sich körperlich in einem absoluten Ausnahmezustand. Sie waren bis auf die Knochen abgemagert. Ihr Blick starrte nur noch ins Leere. Meine Schwester kam zu uns zu Besuch. Ich ging mit ihr an einem Nachmittag zu Trandafir. Sie hatte so einen Schock bekommen, dass sie mehrere Tage kaum sprechen konnte.
Eines Tages nahm ich effektiv seine Decke von ihm weg und sah das ganze Ausmaß seines körperlichen Zustandes. Der Körper war komplett versteift. Er konnte weder seine Beine bewegen, noch seine Arme. Jahrzehnte in der gleichen Position…
Das kleine blinde Mädchen in mir, es küsste ihn auf die Stirn. Er lächelte. Und in diesem Moment, da hab ich eine Entscheidung getroffen. Ich würde kämpfen, nicht nur für ihn, sondern auch für Florin, der nur noch Haut und Knochen war.
Eine Nacht lang habe ich die Gesetze studiert. Gleich am nächsten Morgen ging ich in das zuständige Amt. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass, wenn ein Ausländer plötzlich Vormund eines erwachsenen behinderten Menschen in Rumänien werden möchte, der noch dazu in einer Einrichtung untergebracht ist, dies kein einfaches Unterfangen ist.
Selbstverständlich war mir klar, dass die erste Antwort, die ich von dem zuständigen Amt bekommen sollte, war: Das geht nicht.
Aber ich hab schon so viele „Das geht nicht”-Sätze gehört, dass ich das lediglich als Impuls nehme, um es wieder zu versuchen. „Das geht nicht” ist nichts weiter als die Tatsache, dass noch ein Impuls fehlt, so hatte ich mich immer über Wasser gehalten.
Ich möchte nicht alle einzelnen Schritte mit meiner Schlacht mit den Behörden um diese beiden jungen Männer berichten. Kann aber aus ganzen Herzen sagen, dass es anderthalb Jahre dauerte, bis die beiden endlich bei uns zu Hause einziehen durften.
Einen Abend, bevor ich sie nach Hause brachte, setzte ich mich mit meinen Kindern an den Tisch und besprach mit ihnen, wie Menschen aussehen, die an schwerer Auszehrung leiden. Ich wollte sie vorbereiten auf das, was da kommt. Sie waren Kinder und durften auf keinen Fall geschockt werden.
Als wir die beiden ins Auto hoben, waren sie sehr unruhig. Beide wussten ja gar nicht, was auf sie zukommt. Kannten nur den einen Raum und das Gitterbett…..
Seit 20 Jahren waren sie nirgendwo mehr gewesen als in dieser Einrichtung. Natürlich kam ihnen alles fremd und anders vor. Neben der Tatsache, dass Florin offensichtlich große Probleme mit seinem Magen hatte, war er auch noch blind, was die Sache erschwerte, und trotzdem werde ich nie vergessen, wie wir die Einrichtung damals mit den beiden verlassen haben.
Obwohl es die entgegengesetzte Richtung war, fuhr ich noch einmal in Richtung des Waldes, an dem die Gräber waren. Die Sonne schickte ihr hellstes Licht. Ich schaute in den Rückspiegel und sah Philipp und Kaschka, die sich liebevoll um unsere beiden neuen Familienmitglieder kümmern. Es war, als würde die Sonne uns gratulieren zu unserem Familienzuwachs, und erst in dem Moment habe ich begriffen, dass ich zumindest für diese beiden Menschen die Schlacht gewonnen hatte.
Würde ich hier im Einzelnen alles ausführen, was notwendig war, um das zu erreichen, es würde den Rahmen sprengen, und es ist auch nicht mehr wichtig, weil es mir um keine Sekunde der Zeit leid tut. Es tut mir leid um die vielen gestohlenen Jahre, die ich den beiden niemals zurückgeben kann, und trotzdem bin ich jetzt ruhiger geworden.
In der ersten Zeit, als die beiden bei uns lebten, gab es massive gesundheitliche Probleme. Es war nicht anders zu erwarten. Sie können nur ganz kleine Mahlzeiten essen, erbrachen sich oft in die – typische Problematik, die nach dem zweiten Weltkrieg auch bei Häftlingen aus Lagern beobachtet wurde.
Irgendwann bekamen wir die Sache in den Griff, und es fing langsam an, ihnen körperlich besser zu gehen. Sie begannen aufzublühen wie eine Blume. Immer wieder schaute ich hin und konnte es nicht glauben, dass die beiden tatsächlich bei uns zu Hause wohnen und dass ich ihr Vormund bin.
Heute haben Trandafir und Florin sich komplett eingelebt und fühlen sich sehr wohl. Im Nachhinein kann ich erst sehen, dass an jenem Tag, an dem sich das Tor zur Hölle öffnete und mich mit den beiden herausfahren ließ, nicht Jenny die Sozialarbeiterin und Mutter war. Nein, es war das kleine blonde Mädchen, welches sich vor ca 35 Jahren in den Kopf gesetzt hat, diese Kinder Rumänien zu finden und ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen.
Dieses Mädchen hat ihr Wort gehalten. Und obwohl es so viele Rückschläge gab, hat sie immer in meiner Seele dafür gesorgt, dass Aufgeben keine Option gewesen wäre. Wenn Licht auf Schatten fällt, gewinnt immer das Licht.
In liebevoller Erinnerung an Elli, die uns vom Himmel aus beschützt, genau wie sie diejenigen beschützt, die ihr so viel Leid angetan haben. Ihre Seele ist zu schön, um da einen Unterschied zu machen.
Ich habe viel von ihr gelernt und sie wird für immer in meinem Herzen bleiben. In Liebe an all diejenigen, die es nicht lebend aus der Hölle geschafft haben. Sie sind das Licht, welches uns jeden Tag den Weg zu mehr Humanität erhellt. Damit wir die Dinge verändern können.
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✍ Material realizat și asumat de Jurnalist Durbaca Dragoș.
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